John Coltrane & Eric Dolphy ¦ Evenings At The Village Gate

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2LP (Album, Gatefold)

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Veröffentlichung Evenings At The Village Gate:

2023

Hörbeispiel(e) Evenings At The Village Gate:

Evenings At The Village Gate auf Wikipedia (oder andere Quellen):

Evenings at the Village Gate (auch Evenings at the Village Gate: John Coltrane with Eric Dolphy) ist ein Jazzalbum von John Coltrane mit Eric Dolphy. Die 1961 im New Yorker Jazzclub The Village Gate entstandenen Aufnahmen erschienen am 14. Juli 2023 auf Impulse! Records. Das Album wurde im Sommer vor Coltranes legendären Auftritten im November 1961 im Village Vanguard mit einer ähnlichen Quintettbesetzung aufgenommen: dem kurzlebigen Tandem aus Coltrane und Dolphy zusammen mit dem Schlagzeuger Elvin Jones, dem Pianisten McCoy Tyner und dem Bassisten Reggie Workman.

Hintergrund

John Coltrane und Eric Dolphy

1961 war für Coltrane ein produktives und entscheidendes Jahr, meint Nate Chinen. In diesem Frühjahr wurde seine elegante, faszinierende Quartettversion von „My Favourite Things“ aus The Sound of Music sein Durchbruch in der Jazzszene, erschienen auf dem gleichnamigen Album bei Atlantic Records. Doch später in diesem Jahr, als er bei dem neuen Label Impulse! Records unter Vertrag genommen wurde, legte er keinen Wert auf kommerziellen Erfolg. Stattdessen erkundete er neue Sounds und Konfigurationen und testete Ideen oft auf der Bühne. Eine solche Idee war die Hinzufügung Dolphys, einer äußerst originellen Stimme auf verschiedenen Holzblasinstrumenten, und gleichzeitig ein enger persönlicher Freund.[1]

Coltrane und Dolphy hatten sich zum ersten Mal in Los Angeles getroffen, bevor sie Freunde wurden, als letzterer 1959 nach New York zog. Nach vielen Stationen in Coltranes Band wurde Dolphy 1961 im Vorfeld der Village Gate-Residenz [wohl kurz nach dessen Aufnahmen mit Max Roach (Percussion Bitter Sweet)[2] ] gebeten, festes Mitglied zu werden. Die Musik der inzwischen gefeierten Partnerschaft wurde von einigen Kritikern zunächst als „Anti-Jazz“ bezeichnet. Der Down-Beat-Herausgeber Don DeMicheal[3] veröffentlichte diesen Gedankenaustausch in der Aprilausgabe 1962 als Teil eines Artikels mit der Überschrift „John Coltrane und Eric Dolphy antworten den Jazzkritikern“. Regelmäßige Leser des Magazins hätten genau gewusst, was diese Geste provozierte, schrieb Nate Chinen: eine vernichtende Rezension von Coltranes Quintett mit Dolphy, in der sie „einen anarchistischen Kurs in ihrer Musik anprangerten, den man nur als Anti-Jazz bezeichnen kann“.[1]

„1961 verfolgte John hinsichtlich seines harmonischen Ansatzes ein anderes Konzept“, schrieb Reggie Workman in einem Essay in den Liner Notes. „Er gab den Soli mehr Raum und kam in der Art und Weise, wie er seine Melodien konstruierte, von einer anderen Seite … Es war eine Zeit der Entdeckungen für John. Er war immer auf der Suche nach neuen Klängen und die Anwesenheit von Eric in der Gruppe war ein Teil davon. John hatte wirklich großen Respekt vor Eric. Sie waren sich im Konzept sehr ähnlich. Wenn man sich die Aufnahme vom Gate anhört, kann man hören, wie Eric lange Soli spielte und John nach ihm kam und ein viel kürzeres Solo nahm, als er es normalerweise tun würde, und Erics Stimme im Vordergrund stehen ließ.“[4]

„Diese Musik steht am Anfang einer großen Veränderung für Coltrane“, schrieb der Saxophonist Branford Marsalis in einem anderen Essay. „Er fing an, eine neue Richtung einzuschlagen. In Bezug auf die Intensität, die traditionell mit dem klassischen Coltrane-Quartett assoziiert wird, ist dies der Vorläufer.“[4]

Die Village-Gate-Aufnahmen

Logo des Village Gate

Das Village Gate war ein großer Kellerraum mit wachsender Reputation im Jahr 1961, in dem Folksänger und Comedy-Acts sowie Künstler wie Nina Simone auftraten. Coltrane arbeitete dort im August 1961 im Rahmen eines Dreierkonzerts zusammen mit Gruppen unter der Leitung von Art Blakey und Horace Silver.[1] Coltrane, der zu diesem Zeitpunkt gerade von Atlantic zu Impulse! gewechselt ist, gastiert vom 8. August bis 3. September 1961[5] mit wechselnden Besetzungen in diesem Club.[6] Die Besetzung mit Eric Dolphy, McCoy Tyner, Reggie Workman und Elvin Jones, zu denen einmal auch Art Davis als zweiter Bassist dazu stößt, wurde im Rahmen eines Tests des neuen Soundsystems des Clubs aufgenommen. Über 80 Minuten hinweg enthält das Album klassische Coltrane-Nummern, darunter „My Favorite Things“, „Impressions“ und „Greensleeves“ sowie „When Lights Are Low“ und „Africa“.[4]

Das Village Gate verfügte über ein hochmodernes Soundsystem, das von einem ehrgeizigen jungen Ingenieur namens Richard Alderson installiert wurde. Eines Nachts, während Coltranes Auftritt, beschloss Alderson, das System zu testen, indem er die Band mit einem einzelnen RCA-Mikrofon aufnahm, das über der Bühne aufgehängt war, und einer Leitung, die zu einem Spulen-Tonbandgerät führte. Die Bänder waren nie für den öffentlichen Gebrauch bestimmt und ohnehin nicht autorisiert, also legte Alderson sie beiseite. Sie fanden schließlich ihren Weg in eine Sammlung der New York Public Library for the Performing Arts, wo sie Anfang der 2020er-Jahre von einem Bob-Dylan-Archivar wiederentdeckt wurden.[1]

Die Veröffentlichung enthält Essays von zwei Personen, die an der Village Gate-Residenz teilgenommen hatten: Reggie Workman und Toningenieur Rich Alderson. Der Historiker Ashley Kahn, Branford Marsalis und Lakecia Benjamin haben ebenfalls zu den Liner Notes beigetragen.[7]

Titelliste

Bis auf die gekennzeichneten Ausnahmen stammen die Kompositionen von John Coltrane.

Seite A
1. My Favorite Things (Richard Rodgers, Oscar Hammerstein II) – 15:45
Seite B
2. When Lights Are Low (Benny Carter, Spencer Williams) – 15:10
3. Impressions – 10:00
Seite C
4. Greensleeves (Traditional) – 18:15
Seite D
5. Africa – 22:41

Rezeption

QuelleBewertung
AllMusicSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[8]
Laut.deSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[9]
PitchforkSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[10]
MojoSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[11]
All About JazzSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[12]
JazzwiseSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbolSternsymbol[13]

Das Archivmaterial würde einen besonderen Einblick in Dolphys und Coltranes kurze musikalische Partnerschaft bieten, die die Alben Olé Coltrane, Africa/Brass, Coltrane „Live“ at the Village Vanguard und Impressions umfasste, veröffentlicht zwischen 1961 und 1963, schrieb Safi Bugel im Guardian. Es sei auch die einzige Live-Aufnahme der legendären Village Gate-Auftritte der Gruppe und enthält die einzige bekannte Nicht-Studio-Aufnahme von „Africa“ – ausgedehnt auf fast 23 Minuten. [Die Studioaufnahme des Stücks erschien im selben Jahr auf seinem Africa/Brass-Album.][4]

Die letzten Jahre hätten aufschlussreiche Archivveröffentlichungen beider Saxophonisten [wie Blue World (2019), A Love Supreme: Live in Seattle (2021) bzw. Musical Prophet: The Expanded 1963 New York Studio Sessions (2018)] gebracht, aber Evenings at the Gate sei ein Fenster in die frühe Blütezeit ihrer Zusammenarbeit, als es sich für alle Beteiligten wie eine reine Möglichkeit angefühlt haben muss, schrieb Nate Chinen. Und es lohne sich, sich an einen Teil der Antwort zu erinnern, die Coltrane DeMicheal schließlich in dem Interview im Down Beat gab.

„Ich denke, das Wichtigste, was ein Musiker tun möchte, ist, dem Zuhörer ein Bild von den vielen wunderbaren Dingen zu vermitteln, die er im Universum kennt und spürt“, sagte Coltrane und klang dabei keineswegs defensiv. „Das ist es, was Musik für mich ausmacht – es ist nur eine andere Art zu sagen, dass es sich um ein großes, wunderschönes Universum handelt, in dem wir leben, das uns geschenkt wurde, und hier ist ein Beispiel dafür, wie großartig und allumfassend es ist. Das ist es, was ich gerne tun würde.“ Das sei eines der großartigsten Dinge, die man im Leben tun kann, so Chinen, „und wir alle versuchen es auf irgendeine Weise. Der Musiker tut durch seine Musik.“[1]

Vor ein paar Jahren stellte Ben Ratliff, Autor von „Coltrane: The Story of a Sound“, diese Musik in einem anschaulichen Aufsatz für die Washington Post mit dem Titel „John Coltrane und die Essenz von 1961“ in einen kulturellen Kontext „ambivalenter Möglichkeiten“. Er bemerkte: „Die Musik klingt postheroisch und vorzynisch; interessanterweise frei von Grandiosität; voller Raum für den Hörer, einen Platz darin zu finden und sich eine eigene Meinung zu bilden.“ Nachdem Ratliff im Mai 2023 die Version von „Impressions“ aus Evenings at the Village Gate gehört hatte, ging er näher auf diese Idee ein. „Es ist sehr schwer, es zu benennen oder einzuordnen, aber es ist einfach so wild [und] voller Lebenskraft“, sagte er über die Darbietung. „Die Musiker wissen, wie gut das ist, und sie wissen, wie aufregend es ist – aber darüber hinaus wissen sie nicht wirklich viel, und es wurde noch nichts genannt. Hier gibt es viel Unbekanntes [zu entdecken].“[1]

Nach Ansicht von Chris May (All About Jazz) müsse die Bedeutung des Albums ausdrücklich betont werden, denn im Musikgeschäft gebe es genügend Leute, die für schnelles Geld alles veröffentlichen würden, auf dem Coltranes Name steht, egal in welcher Qualität. Glücklicherweise gehöre Impulse!, Coltranes Label von 1961 bis zu seinem Tod, nicht dazu. Es sei heute schwer, die Kritik des damaligen Jazz-Establishments („Anti-Jazz“) mit dem in Einklang zu bringen, was man auf den Gate- oder [folgenden] Vanguard-Aufnahmen hört, selbst wenn man die Zeit berücksichtigt, so der Autor. Man kann vernünftigerweise davon ausgehen, dass bei den Neinsagern nichtmusikalische Faktoren, vor allem Rasse und Politik, im Spiel waren. Allerdings könne man sich leicht vorstellen, dass jemand, der Coltrane zuletzt „When Lights Are Low“ als Mitglied von Miles Davis‘ Quintett spielen hörte (wie auf Davis‘ Prestige-Album „Cookin‘“ von 1956), bei seinem Hören von dessen Auftritt mit Dolphy im Village Gate möglicherweise Riechsalz benötigt hätte. Es sei auch daran erinnert, dass Coltranes Africa/Brass (1961) mit Dolphy zum Zeitpunkt der Gate-Aufnahmen noch nicht veröffentlicht worden war. Das bedeutete, dass „Greensleeves“ und, genauer gesagt, das turbulente „Africa“ für viele Zuschauer wahrscheinlich neu waren, ebenso wie Dolphy selbst für einige von ihnen. Und einige Zuhörer waren möglicherweise aufgrund von Coltranes aktuellem Radiohit „My Favourite Things“ in den Club gekommen. Aber die Stimmung im Raum sei spürbar. Wie auch immer, das sei jetzt alles Geschichte. „Evenings at the Village Gate“ dürfte im Jahr 2023 bei den meisten, vielleicht allen, Bewertungen der Coltrane-Kenner fünf Sterne erreichen.[12]

Auch für Stuart Nicholson, der das Album für Jazzwise besprach und ihm vier Sterne gab, ist der Höhepunkt von Evenings at the Village Gate die Live-Version von „Africa“. Hier gäbe es ein Gefühl des Erforschens und Entdeckens, das auf dem d-Moll-Bordun sowohl harmonisch (verwandte Harmonien) als auch linear (in Dolphys Fall mit unerwarteten Intervall-Sprüngen und fragmentierter Lyrik) aufbaue. Kritisch merkt er die Tonqualität an: Sie reiche nicht an die von Impulse drei Monate später mit derselben Gruppe gemachten Aufnahmen von Coltrane heran, die ursprünglich als Live at the Village Vanguard veröffentlicht wurden. Aber sie sei gut genug, um der Entdeckung den Charakter einer Art von Raubprssung zu verleihen. Dolphys Beitrag auf der Bassklarinette bei „When Lights Are Low“ habe etwas von einem Fagott, das eindringlich und unheimlich gespielt werde. Zudem könne man wahrnehmen, dass McCoy Tyner, der zum Zeitpunkt der Aufnahme etwa seit einem Jahr mit Coltrane zusammenspielte, sich „seiner kraftvollen, vereinheitlichenden Rolle zwischen Saxophon und Schlagzeuger durchaus bewusst“ wäre und (endlich) wissen würde, dass er mit der Lautstärke von Elvin Jones konkurrieren müsse, um gehört zu werden, und dennoch eine eigene Kohärenz und Identität bewahrte. Seine Soli auf "Impressions" und "My Favorite Things" würden unterstreichen, das er ein wichtiger Bestandteil von Coltranes Combo geworden war.[13]

Der Autor Ashley Kahn erhielt für seinen Beitrag zu den Liner Notes des Albums eine Nominierung für die Grammy Awards 2024 in der Kategorie "Best Album Notes".[14]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Nate Chinen: John Coltrane and Eric Dolphy's fearless experiment sets a new album ablaze. National Public Radio, 31. Mai 2023, abgerufen am 31. Mai 2023 (englisch).
  2. Tom Lord The Jazz Discography (online, abgerufen am 2. Juni 2023)
  3. Von 1961 bis 1967 war DeMicheal Chefredakteur der Zeitschrift Down Beat, wo er als Journalist prominente Jazzgrößen wie Miles Davis und John Coltrane interviewte. DeMicheal war außerdem von 1974 bis 1978 Präsident des Jazz Institute of Chicago und leitete 1979 als Programmvorsitzender das erste kostenlose Chicago Jazz Festival im Grant Park. vgl. Guide to the Jazz Institute of Chicago Don DeMicheal Papers 1962–1997 in University of Chicago Library
  4. a b c d Safi Bugel: John Coltrane recordings lost in New York Public Library will finally be heard. The Guardian, 1. Juni 2023, abgerufen am 2. Juni 2023 (englisch).
  5. John Coltrane Discography bei JazzDisco.org
  6. Martin Laurentius: John Coltrane Evenings at the Village Gate. In: Jazz thing. 6. Juni 2023, abgerufen am 14. Juli 2023.
  7. Evan Minsker: John Coltrane and Eric Dolphy Recordings From 1961 Unearthed for New Album. Pitchfork Media, 1. Juni 2023, abgerufen am 7. Juni 2023 (englisch).
  8. Review von Matt Collar auf AllMusic (abgerufen am 1. August 2023)
  9. Review von Josephine Maria Bayer auf Laut.de (abgerufen am 1. August 2023)
  10. Review von Daniel Felsenthal auf Pitchfork (abgerufen am 1. August 2023)
  11. Review von Andrew Male auf Mojo (abgerufen am 1. August 2023)
  12. a b Chris May: John Coltrane: Evenings At The Village Gate. All About Jazz, 7. Juli 2023, abgerufen am 11. Juli 2023 (englisch).
  13. a b Stuart Nicholson: John Coltrane/Eric Dolphy: Evenings at the Village Gate: John Coltrane with Eric Dolphy. In: Jazzwise. 2023, abgerufen am 17. Juli 2023.
  14. Grsmmy Nominations Full List. Grammy.com, 19. November 2023, abgerufen am 10. November 2023 (englisch).

Artist(s)

Veröffentlichungen von John Coltrane die im OTRS erhältlich sind/waren:

Impressions Graz 1962 ¦ The Final Tour: Copenhagen, March 24, 1960 ¦ Giant Steps ¦ Both Directions At Once: The Lost Album ¦ OST Chasing Trane: The John Coltrane Documentary ¦ Another Side Of John Coltrane ¦ A Love Supreme: Live In Seattle ¦ Live At The Village Vanguard ¦ John Coltrane And Johnny Hartman ¦ My Favorite Things ¦ My Favorite Things: Coltrane At Newport ¦ Blue Train ¦ Blue Train: The Complete Masters ¦ John Coltrane In The Winner's Circle ¦ Evenings At The Village Gate ¦ A Love Supreme

John Coltrane auf Wikipedia (oder andere Quellen):

John Coltrane (1963)

John William „Trane“ Coltrane (* 23. September 1926 in Hamlet, Richmond County, North Carolina; † 17. Juli 1967 in Huntington, New York) war ein bedeutender US-amerikanischer Jazzmusiker. Anfangs spielte er Altsaxophon, ab den frühen 1950er Jahren fast ausschließlich Tenor- und ab 1960 auch Sopransaxophon. Seine Innovationen und sein inspiriertes Spiel beeinflussten die Jazzwelt nachhaltig.[1]

Sein Stil

Coltranes eigener Stil entwickelte sich in der Ära des Modern Jazz vom Hard Bop bis zum Modalen Jazz und geht schließlich sogar zum Free Jazz über. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entfaltete er, unter anderem von Dexter Gordon beeinflusst und über Charlie Parker hinausgehend, seine eigene Spielweise, die einen sehr durchdringenden hellen Klang auf seinem Tenorsaxophon mit extremer rhythmischer Verdichtung der Notenwerte verband, bei gleichzeitiger Erweiterung und Verfeinerung des Bebop-Vokabulars im harmonisch-melodischen Bereich. Diese Spielweise wurde von dem amerikanischen Jazzkritiker Ira Gitler mit dem Begriff „sheets of sounds“ (Übersetzung: „Klangflächen“) bezeichnet. Nachdem Coltrane durch seine Zusammenarbeit mit Miles Davis die modale Spielweise kennengelernt hatte, vertiefte er sich in zunehmendem Maße in Experimente mit Skalen und deren Möglichkeiten. Auch von der indischen Musik (Ravi Shankar) beeinflusst fiel die Wahl des Vornamens für einen seiner Söhne auf Ravi, Ausdruck seiner Bewunderung für den Sitar-Virtuosen. Ab Mitte der 1960er Jahre öffnete er sich auch freien Spielformen, wie etwa auf dem Album Ascension (1965), und erforschte in seinem Spiel die sich ihm dadurch bietenden Möglichkeiten konsequent. All diese Erkundungen und Erkenntnisse fanden Eingang in seine letzte Platteneinspielung Expression, die von vielen als Vermächtnis gesehen wird.

Leben und Werk

High Point heute

1926–1945 – High Point und Philadelphia

John Coltranes Mutter, Alice Gertrude Blair (1898–1977), stammte aus einer bekannten und geachteten Familie in Hamlet im Bundesstaat North Carolina; ihr Vater war Reverend William Wilson Blair, der die methodistische Episcopal Zion Church in High Point leitete.[2] Nach ihrer Graduierung zog Alice Blair nach Hamlet und lernte die Familie des Predigers William H. Coltrane kennen. Dessen Sohn war John Robert Coltrane (1901–1939); Anfang 1925 heirateten die beiden. Coltrane war der Name weißer schottischstämmiger Familien, die den Nachnamen an ihre damaligen Sklaven weitergegeben hatten.[3] Ein erstes Kind starb schon bald nach der Geburt; am 23. September 1926 kam John William zur Welt, dessen zweiter Vorname nach den beiden Großvätern gewählt wurde. Schon wenige Monate nach Johns Geburt zog die Familie nach High Point zu den Geschwistern der Mutter. Johns Tante Bettie und seine Cousine Mary (* 1927) wurden nun zu wichtigen Bezugspersonen; später sollte er Mary seine Komposition „Cousin Mary“ widmen.

John wuchs in einem geordneten Umfeld auf, das stark durch die Blair-Verwandtschaft und das religiöse Milieu der Methodisten-Gemeinde bestimmt war, während die Familie Coltrane eine weniger bedeutsame Rolle spielte. Über den Großvater kam Coltrane schon als kleines Kind mit geistlicher Musik in Berührung. Seine Familie war musikalisch, sein Vater spielte mehrere Instrumente. Mit zwölf Jahren bekam er von den Eltern seine erste Klarinette geschenkt und nahm klassischen Musikunterricht. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr soll seine Kindheit sehr glücklich gewesen sein; eine Reihe von Todesfällen überschattete schließlich das Jahr 1939; so starben kurz hintereinander erst seine Tante, im Januar sein Vater an Magenkrebs; im April seine Großmutter. In dieser Zeit wurde die Musik zu einem wichtigen Bestandteil des jungen Coltrane.[4] Ab September 1939 besuchte er die Highschool.

Nach dem Tod des Vaters, der in einer Wäscherei gearbeitet hatte, geriet die Familie in finanzielle Schwierigkeiten; während John sein letztes Jahr auf der Highschool verbrachte, zog Alice 1942 nach Philadelphia, wo sie eine Anstellung als Dienstmädchen fand; die Mutter konnte das Geld für die Musikschule gerade so aufbringen.

Das Wohnhaus von John Coltrane in der North Thirty-Third Street von Philadelphia.

Ihr Sohn, beschrieben als ruhiger und eher stiller Schüler, spielte schon bald im Schulorchester und Fußball. In der Highschool-Zeit lernte er Altsaxophon und machte erste Gehversuche im Jazz, beeinflusst durch schwarze Swing-Bands, die im Radio gesendet wurden, vor allem aber durch Lester Young, der als einer der ersten gängige Swingklischees vermied.[5]

Nach seiner Graduierung im Mai 1943 zog auch John mit zwei Freunden nach Philadelphia. Bis zu seiner Einberufung zum Militärdienst fand er Arbeit in einer Zuckerraffinerie; daneben nahm er Unterricht an der Ornstein School of Music bei Mike Guerra, der ursprünglich Klarinettist war. John Coltrane kehrte in den folgenden Jahren nur noch selten in seinen Heimatstaat zurück; er bevorzugte den Norden auch wegen der weniger starken Rassendiskriminierung. Dennoch wirkte sich die Bindung an North Carolina weiterhin aus; seine erste Frau, Naima, stammte von dort und Coltrane arbeitete fortan mit einer Reihe von Musikern mit familiären Bindungen nach North Carolina, wie mit Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Jimmy Heath und McCoy Tyner. 1958 schrieb Coltrane den Titel „Goldsboro Express“, benannt nach einer Stadt in North Carolina; seine späte Komposition „Welcome“ nimmt auch Bezug auf eine Kleinstadt in der Nähe seines Heimatortes High Point.

1945–1950 – Beginn der Karriere

John Coltrane bei der US Navy (1945)

1945 bekam er einen ersten Job in einer Tanz-Band, bevor er in die Navy eingezogen wurde. Dort spielte er in einer Jazzband, als er auf Hawaii stationiert war. 1946 wurde er aus dem Dienst entlassen und studierte bei dem Gitarristen und Komponisten Dennis Sandole Jazz-Theorie, was er bis in die 1950er Jahre fortsetzte. Zunächst begann er auf dem Altsaxophon zu spielen,[Coltrane 1] war Mitglied der Joe Webb-Bluesband, die die Sängerin Big Maybelle begleitete, und wechselte dann bei Eddie Vinson zum Tenorsaxophon, da dieser keinen weiteren Altsaxophonisten neben sich duldete. Coltrane äußerte sich später zu diesem Punkt: „a wider area of listening opened up for me. There were many things that people like Hawk, and Ben, and Tab Smith were doing in the ’40s that I didn’t understand, but that I felt emotionally.“[Biography 1]

Ein weiterer wichtiger Punkt seiner musikalischen Entwicklung war das erste Erlebnis eines Charlie-Parker-Konzerts am 5. Juni 1945. In einem Down Beat Artikel schrieb er 1960: „the first time I heard Bird play, it hit me right between the eyes.“[Coltrane 1] Parker wurde darauf zu seinem frühen Vorbild; die beiden spielten auch Ende der 1940er-Jahre gelegentlich miteinander. Hierbei kam es auch 1947 zur ersten Session im New Yorker Audubon Ballroom mit Miles Davis, der für den weiteren Verlauf seiner Karriere immens wichtig werden sollte. In dieser Zeit entstand auch sein Spitzname „Trane“, wie man anhand von zeitgenössischen Briefwechseln feststellte. Coltranes Ausflüge nach New York blieben aber die Ausnahme; sein Hauptbetätigungsfeld blieb die lokale Szene in Philadelphia. Anfang des Jahres 1945 entstanden dort die ersten Aufnahmen, an denen Coltrane mitwirkte; er spielte dabei in der Jimmy Johnson Big Band, die ein inzwischen vergessener Schlagzeuger leitete, in der aber auch Benny Golson, Ray Bryant und Tommy Bryant spielten.

In der Musikerszene kam er mit Heroin in Berührung, das damals eine Modedroge war, und wurde schließlich abhängig. Dennoch behielt er auch in dieser Zeit ein tägliches Übungspensum von mehreren Stunden bei. Nachdem er noch in Philadelphia eine kurzlebige Formation mit Jimmy Heath, Benny Golson und Cal Massey gegründet hatte, spielte er in New York mit Howard McGhee im Apollo Theater; Anfang 1949 trat er im Audubon Ballroom mit Bud Powell, Art Blakey und Sonny Rollins auf. Dann wurde er durch Vermittlung von Jimmy Heath 1949 Mitglied der Dizzy Gillespie Big Band, allerdings schnell wieder entlassen, weil Dizzy Gillespie Coltranes Drogensucht nicht akzeptierte. Zuvor entstanden im November 1949 Aufnahmen für Capitol. In der Musikerszene gab man ihm den Spitznamen Country Boy, weil er oft barfuß durch die Gegend lief.

Nach seinem Rauswurf fand er Arbeit in der Rhythm-and-Blues-Band von Earl Bostic, mit dem auch einige Aufnahmen entstanden. Nach einem Gastspiel in einer Showband kehrte er nach Philadelphia zurück und hatte kurze Engagements in lokalen R&B-Bands. Auch probte er zunächst viel mit dem exzentrischen Pianisten Hasaan Ibn Ali, der ihn auch harmonisch beeinflusste.[6]

1954 lernte er Naima (Juanita) Grubbs, seine erste Frau, kennen und fand Arbeit im Orchester seines früheren Idols, des Altsaxophonisten Johnny Hodges, dessen lyrische Spielweise und Klangfarbe zu Coltranes wichtigsten Einflüssen zählen.[7] Er blieb bis 1955 in der Hodges-Band, dem kurze Engagements bei Shirley Scott und Jimmy Smith folgten, bevor ihn Miles Davis auf Vorschlag von Philly Joe Jones anfragte. In Baltimore fanden erste Probenaufnahmen statt; dort heirateten Coltrane und Naima am 3. Oktober 1955.

1955–1960 – Miles Davis Quintett

Der Eintritt in das legendäre (erste) Miles-Davis-Quintett bedeutete für Coltrane den Durchbruch; Davis war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Star. Coltrane spielte Tenorsaxophon, behielt dabei aber die Intonation des Alt bei und entwickelte seinen charakteristischen Klang. Erste Aufnahmen („Budo“ und „Little Melonae“) entstanden Ende Oktober für Columbia, obwohl Davis noch bei Prestige unter Vertrag stand, als Miles Davis All-Stars. Doch bereits im Herbst des folgenden Jahres warf Davis Coltrane wegen dessen Drogensucht erneut aus der Band. Coltrane zog sich zurück und konnte mit Hilfe seiner Frau vom Heroin loskommen. Daneben entstanden 1956 Prestige-Sessions mit Elmo Hope, Sonny Rollins („Tenor Madness“), Tadd Dameron (Mating Call), Idrees Sulieman und Paul Chambers.

Ein Jahr nach seinem Drogenentzug kehrte er auf die Bühne zurück und stürzte sich mit neuer Energie in die Arbeit. Er arbeitete unter anderem mit Thelonious Monk (Live at the Five Spot: Discovery!), mit dem er im Oktober 1957 das Album Monk’s Music aufnahm. Aus dem Zusammenspiel mit Monk brachte er die an den Kirchentonarten orientierten Skalen ein. Diese „modale“ Spielweise überwindet die herkömmliche, an Harmoniefolgen gebundene Improvisation. In der Folge wurden Coltranes Soli immer länger und ekstatischer. In den Jahren 1957 und 1958 entstanden eine große Reihe hastig eingespielter Coltrane-Alben für Prestige im Stile von Blowing Sessions. Unter diesen ist einzig Blue Train – im September 1957 mit einer Bläsergruppe aus Curtis Fuller und Lee Morgan für Blue Note Records eingespielt – bemerkenswert.

In jenen Jahren von etwa 1957 bis 1960 perfektionierte er eine neue Spielweise, die der Jazz-Kritiker Ira Gitler „sheets of sound“ nannte, Klangflächen. Dabei verdichtete Coltrane ungewöhnlich akzentuierte Arpeggios zu verflochtenen Soundmustern hoher Virtuosität. Das Spiel verlief so schnell, dass neben dem aktuellen Ton noch die vorherigen Töne in der Luft lagen. Hierbei wurden die horizontalen Linien mehr gewichtet und die althergebrachten schemenartigen Akkordmuster und -verbindungen bewusst vernachlässigt, der Takt wurde aufgelöst. In Augenblicken höchster Intensität nahm sein Spiel die Qualität von Urlauten an.[8] Der besondere Reiz dieser Technik besteht darin, dass die Musik vielsagend wird, weil oft nicht klar ist, in welcher Tonart Coltrane genau spielt. Wichtig ist, dass der Pianist eingewiesen ist. Monk beispielsweise spielte statt eines C-Dur-Dreiklanges nur das C, womit er die Tonart nicht eindeutig vorgab. In dieser Zeit trat Coltrane – mehr oder weniger notgedrungen, denn er benötigte Material für seine neue Spielweise – als Komponist hervor. Anfang 1958 hatte er ein gemeinsames Quintett mit dem Flügelhornisten Wilbur Harden (Mainstream 1958). Von 1958 bis 1960 spielte er wieder im Davis-Quintett. Die beiden herausragenden Alben Milestones und Kind of Blue entstanden.

Die 1960er Jahre

Für sein Album Giant Steps wurde John Coltrane 1961 in Amsterdam mit einem Edison ausgezeichnet

Im Jahr 1959 entstanden erste Aufnahmen für das Label Atlantic Records, zunächst mit Milt Jackson (Bags & Trane). 1960 erschien sein Album Giant Steps – ein Titel, der durchaus wörtlich zu nehmen ist. 1961 wurde dann My Favorite Things veröffentlicht. Das Titelstück dieses Albums (im Drei-Viertel-Takt) stammt aus dem Rodgers-und-Hammerstein-Musical The Sound of Music. Coltrane spielte Sopransaxophon und verhalf diesem im Jazz seit längerer Zeit relativ selten gespielten Instrument damit zu einer Renaissance.

Dieser Erfolg machte das John Coltrane Quartet neben Miles Davis’ Quintett zu einer der einflussreichsten Jazz-Gruppen der 1960er-Jahre. Neben Coltrane bestand die klassische Besetzung aus McCoy Tyner (Piano) sowie Elvin Jones (Schlagzeug). Jimmy Garrison löste im Herbst 1961 seine Vorgänger am Bass, Steve Davis und Reggie Workman, ab und vervollständigte das Quartett. Diese Besetzung sollte sich nun für die nächsten Jahre nicht verändern.

Bei einigen Liveaufnahmen im Village Vanguard wirkte auch der Avantgarde-Saxophonist Eric Dolphy mit, der zuvor bereits mit Ornette Coleman und Charles Mingus zusammengespielt hatte. Die Mitschnitte aus dem Village Vanguard verstörten zahlreiche Jazzkritiker, führten zu einer Kontroverse im Down Beat und zum Ausscheiden Dolphys im März 1962. Danach entstanden zwei eher konservative Alben, Coltrane und Ballads.[9] Seine Auftritte auf dem Newport Jazz Festival in den Jahren 1963 (mit Roy Haynes) und 1965 sind auf der 2007 erschienenen Edition My Favorite Things: Coltrane at Newport dokumentiert.

Zu Coltranes bekanntesten Fotografen gehört Robert Freeman.

Musikalisch sprengte Coltrane die Fesseln des herkömmlichen Jazz und nahm in sein Spiel beispielsweise afrikanische und orientalische Einflüsse auf. Eine der wichtigsten Platten mit dem klassischen Quartett ist die Suite A Love Supreme aus dem Jahre 1964 (Impulse!), bei welcher Coltranes spirituelle Ausrichtung deutlich wird, die sich im vorangegangenen melancholischen Album Crescent andeutete. Coltrane, der auch den psalmenartigen Text schrieb und sang, schuf das Werk nach Lektüre des Buchs The Greatest Thing in the World von Henry Drummond, einem evangelikalen Autor des 19. Jahrhunderts.

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre orientierte sich John Coltrane immer stärker am offenen Spiel des Free Jazz. Elvin Jones wurde durch den Schlagzeuger Rashied Ali, der auch ungebundene Metren spielte, erst ergänzt, später dann ersetzt; für McCoy Tyner kam Coltranes zweite Frau Alice Coltrane (sie spielte Piano und Harfe, ein im Jazz selten vertretenes Instrument). Zumeist verstärkte der Saxophonist Pharoah Sanders die Intensität der Saxophonklänge, wie in seinem letzten aufgezeichneten Konzert im April 1967 (The Olatunji Concert).

Musikalisch war Coltrane auf der Suche nach neuen Klängen. Seine künstlerische Existenz erläuterte er dahingehend, dass er die Menschen mit all seiner Kraft seelisch habe aufrichten wollen. Er verstand sich mithin als Anregung, dass jedermann seine Energiequellen vollkommen freisetzt, um ein sinnvolles Leben gestalten zu können.[8] Dabei blieb sein Stil immer eigenständig und in seiner Geschwindigkeit und Komplexität auch unvergleichlich. Er veröffentlichte innerhalb von zwölf Jahren etwa 50 Aufnahmen mit seiner eigenen Band und ein Dutzend mit anderen Bands.

John Coltrane starb 1967 an Leberkrebs. John und Alice Coltrane hatten drei gemeinsame Kinder, den Schlagzeuger John Coltrane Jr. (* 1964; 1982 bei einem Autounfall tödlich verunglückt) und die Saxophonisten Ravi (* 1965) und Oran (* 1967).

Ehrungen

Seine Aufnahme Lush Life mit Johnny Hartman, aus dem Album John Coltrane and Johnny Hartman (1963) sowie die Alben Blue Train (1957), Giant Steps (1960), A Love Supreme (1964), My Favorite Things (1961) und Thelonious Monk with John Coltrane (1961) wurden in die "Grammy Hall of Fame" aufgenommen.[10]

Für sein Album Giant Steps wurde John Coltrane 1961 in Amsterdam mit einem Edison ausgezeichnet.

Die 1971 in San Francisco gegründete Saint John Coltrane African Orthodox Church verehrt den Musiker als einen Heiligen.

Nach ihm wurde der Asteroid Coltrane benannt.

Der schottische Schauspieler Anthony Robert McMillan nannte sich John Coltrane zu Ehren „Robbie Coltrane“.

Chasing Trane: The John Coltrane Documentary ist ein US-amerikanischer Film aus dem Jahr 2016 von John Scheinfeld. Denzel Washington erzählt das Leben von Coltrane; der Film enthält Interviews mit Bewunderern wie Wynton Marsalis, Sonny Rollins, Bill Clinton und Cornel West.[11][12]

Stimmen der Kritiker

„Was an John Coltranes Soli auch heute noch fasziniert, ist seine große melodische Gestaltungskraft, die Art und Weise, wie er sich souverän abwechselnd innerhalb und außerhalb der üblichen Akkord-Folge bewegt. Anders als andere Musiker seiner Zeit war ihm nicht daran gelegen, sich als jemand zu inszenieren, der etwas des reinen Spiels wegen dekonstruiert. Er hatte so viel an Kreativität und Einfallsreichtum zu verschwenden, daß er damit alles – jeden Ton, jede Akkordfolge, jede Fremdkomposition – mit neuer Bedeutung aufladen konnte.“

Harry Lachner[Lachner 1]

Entwicklung des John Coltrane Quartet

Zur Bandgeschichte siehe John Coltrane Quartet.

Aufnahmen (Auswahl)

1957–1958 – Die Prestige-Jahre
1959–1964 – Die Atlantic-Jahre

1961–1965 – Die Impulse!-Jahre

1965–1967 – Das Spätwerk

Chartplatzierungen

JahrTitelHöchstplatzierung, Gesamtwochen, AuszeichnungChartplatzierungenChartplatzierungen[14]
(Jahr, Titel, Plat­zie­rungen, Wo­chen, Aus­zeich­nungen, Anmer­kungen)
Anmerkungen
 DE AT CH UK US
1967ExpressionUS194
(3 Wo.)US
1971Sun ShipUS186
(3 Wo.)US
2005At Carnegie HallUS107
(14 Wo.)US
mit Thelonious Monk Quartet
2008Opus Collection: A Man Called TraneUS107
(7 Wo.)US
2018The Final Tour – Copenhagen, March 24, 1960: The Bootleg Series Vol. 6DE87
(1 Wo.)DE
AT55
(1 Wo.)AT
CH59
(1 Wo.)CH
US187
(1 Wo.)US
Both Directions at Once – The Lost AlbumDE3
(9 Wo.)DE
AT6
(8 Wo.)AT
CH4
(8 Wo.)CH
UK15
(2 Wo.)UK
US21
(3 Wo.)US
2019Blue WorldDE21
(2 Wo.)DE
AT30
(1 Wo.)AT
CH45
(2 Wo.)CH
US78
(1 Wo.)US
2021A Love Supreme – Live in SeattleDE20
(2 Wo.)DE
AT25
(1 Wo.)AT
CH13
(3 Wo.)CH
UK83
(1 Wo.)UK
US78
(1 Wo.)US
2022Live at the Village VanguardDE59
(1 Wo.)DE
CrescentDE38
(1 Wo.)DE
Duke Ellington & John ColtraneDE31
(1 Wo.)DE
John Coltrane and Johnny HartmanDE57
(1 Wo.)DE
Blue TrainDE12
(2 Wo.)DE
AT31
(1 Wo.)AT
CH21
(1 Wo.)CH
US95
(1 Wo.)US
2023Evenings at the Village GateDE13
(1 Wo.)DE
CH45
(1 Wo.)CH
US156
(1 Wo.)US

grau schraffiert: keine Chartdaten aus diesem Jahr verfügbar

Kompositionen (Auswahl)

  • Moment’s Notice, 1957[15]
  • 26-2, 1964
  • After the Rain, 1963
  • Alabama, 1963 (Zum Gedenken an den Anschlag auf die 16th Street Baptist Church, und Prince bezeichnete das Stück als einen von 55 Songs, die ihn musikalisch inspiriert haben)
  • Brazilia, 1965
  • Central Park West, 1960
  • Cousin Mary, 1959
  • Giant Steps, 1960
  • Like Sonny, 1959
  • Naima, 1959
  • Syeeda’s Song Flute, 1959
  • Impressions, 1961
  • India, 1961
  • Tunji, 1962
  • Welcome, 1966

Literatur

  • John Coltrane: Coltrane on Coltrane. The John Coltrane Interviews. Chicago Review Press, Chicago 2010, ISBN 978-1-56976-287-5 (hrsg. Chris DeVito).
  • Yasuhiro Fujioka: John Coltrane: A Discography and Musical Biography. The Scarecrow Press, Metuchen NJ 1995, ISBN 0-8108-2986-X (mit Beiträgen von Hamada, Porter).
  • Lewis Porter: John Coltrane: his life and music. The University of Michigan Press, 1998, ISBN 0-472-10161-7 (engl. Originalausgabe).
  • Ashley Kahn: A Love Supreme. John Coltranes legendäres Album. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2004, ISBN 3-8077-0030-7 (englisches Original Viking Penguin, New York 2002, ISBN 0-670-03136-4).
  • J.C. Thomas: Chasin' the trane. Musik und Mystik von John Coltrane. Hannibal, Wien 1986, ISBN 3-85445-024-9 (dt. Übersetzung, engl. Original 1975).
  • Ralf Dombrowski: John Coltrane. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Oreos, Waakirchen 2002, ISBN 3-923657-63-3 (dt., vollständig überarbeitete Neuauflage).
  • Carl Woideck: The John Coltrane Companion. Schirmer Books, 1998, ISBN 0-7119-6994-9.
  • Gerd Filtgen, Michael Ausserbauer: John Coltrane. Oreos Verlag, 1989.
  • David A. Wild: liner notes zu The Complete 1961 Village Vanguard Recordings (1997)
  • Ben Ratliff: Coltrane. The Story of A Sound. Farrar, Straus and Giroux, New York 2007, ISBN 978-0-312-42778-8.
  • Karl Lippegaus: John Coltrane. Biografie. Edel, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8419-0069-2.
  • Peter Kemper: John Coltrane. Biographie. Reclam, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-15-961200-3.

Weblinks

Commons: John Coltrane – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Hörbeispiele

Anmerkungen und Verweise

  1. John Coltrane Biography – The John Coltrane Foundation
  1. a b John Coltrane: Down Beat-Interview 1960.
  1. Harry Lachner: Jahrhundertaufnahmen des Jazz John Coltrane A Love Supreme
  • Lewis Porter: John Coltrane. University of Michigan Press, Ann Arbor 2006
  1. John Coltrane – laut.de – Band. Abgerufen am 28. März 2023.
  2. Lewis Porter, S. 1 ff.
  3. Lewis Porter, S. 6 f.
  4. Lewis Porter, S. 17.
  5. Vgl. Filtgen und Außerbauer, S. 15.
  6. Andrian Kreye: Geheimnisträger. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Mai 2021, abgerufen am 2. November 2021.
  7. Filtgen und Außerbauer, S. 22 ff.
  8. a b Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos, Bernward Halbscheffel: Rock-Lexikon. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 978-3-499-61588-7, Band 1, S. 210 f.
  9. vgl. David A. Wild, 1997
  10. Grammy Awards Site, grammy.org (Memento vom 10. April 2015 auf WebCite) Grammy Hall of Fame
  11. Dave McNary: John Coltrane Documentary ‘Chasing Trane’ Gets Release Date. In: Variety. 16. März 2017, abgerufen am 4. März 2023 (amerikanisches Englisch).
  12. John Scheinfeld: Chasing Trane: The John Coltrane Documentary. Meteor 17, Crew Neck Productions, 14. April 2017, abgerufen am 4. März 2023.
  13. Auszeichnungen für Musikverkäufe: US UK
  14. Chartquellen: DE AT CH UK US
  15. Moment’s Notice in der englischsprachigen Wikipedia

Veröffentlichungen von Eric Dolphy die im OTRS erhältlich sind/waren:

Evenings At The Village Gate

Eric Dolphy auf Wikipedia (oder andere Quellen):

Eric Allan Dolphy (* 20. Juni 1928 in Los Angeles; † 29. Juni 1964 in West-Berlin) war ein US-amerikanischer Jazzmusiker und wichtiger Wegbereiter der Jazz-Avantgarde der 1960er Jahre. Als Multiinstrumentalist spielte Dolphy Querflöte, Bassklarinette, Altsaxophon sowie Klarinette. Außerdem komponierte und arrangierte er. Als besondere Leistung neben seinen Improvisationen und Kompositionen gilt die Etablierung der Bassklarinette als Instrument im Jazzrepertoire.

Leben und Wirken

Dolphy begann mit neun Jahren Klarinette zu spielen. Mit 13 erhielt er ein zweijähriges Stipendium für die Southern California School of Music, wo er erstmals mit Jazz in Berührung kam. Danach nahm er Privatunterricht bei einer klassischen Flötistin und bei Lloyd Reese. Er spielte unter anderem mit Charlie Parker und ab 1948 in Roy Porters Big Band, mit der er 1949 auch Aufnahmen machte, allerdings nicht als Solist. 1949 bis 1953 leistete er seinen Militärdienst in der Armee in Fort Lewis (Washington), wo er Mitglied der Big Band war, aber auch am US Naval College of Music studierte und mit dem Tacoma Symphony Orchestra spielte. Nach dem Ende seiner Militärzeit arbeitete er mit Musikern wie Gerald Wilson, Buddy Collette und Eddie Beal, lernte 1954 Ornette Coleman und John Coltrane kennen und begann sich für die Bassklarinette zu interessieren. Von 1954 bis 1956 leitete er eine eigene Band, bevor er sich 1958 dem populären Chico Hamilton Quintett anschloss, mit dem er im Juli 1958 beim Newport Jazz Festival begeisterte Kritiken erntete. 1959 zog Dolphy nach New York, wo er 1960 Mitglied der Band des Bassisten Charles Mingus wurde. Mit ihr trat er 1960 auf dem Jazzfestival in Antibes auf. Die Aufnahmen mit der Mingus-Band zeigen ihn als brillanten Solisten; ähnlich auch im Track Stormy Weather auf dem Album Mingus. Im selben Jahr war er auch an Ornette Colemans wichtigem Album Free Jazz beteiligt.

Mit Veröffentlichungen unter eigenem Namen wie Outward Bound, Out There und Far Cry (alle 1960) wurde Dolphy einer der meistdiskutierten Jazzmusiker. 1961 stand er an der Spitze der New Star Polls von Down Beat für Altsaxophon und 1962/1963 für Bassklarinette und Flöte. 1961 spielte er im Sextett von George Russell (Album Ezz-Thetics 1961) sowie mit John Coltrane im Village Gate (Evenings at the Village Gate), wenig später bei den Village Vanguard Sessions 1961 und auf Africa Brass, für das er auch arrangierte. Er leitete ein Quintett mit dem Trompeter Booker Little (Liveaufnahmen im Five Spot 1961). Im August/September 1961 tourte Dolphy in Europa, wo er nicht mit eigener Band, sondern mit europäischen bzw. „exilierten“ Musikern wie Benny Bailey auftrat, dokumentiert etwa auf dem Album Berlin Concerts (später auf Enja erschienen). Seit 1960 war er regelmäßig an den Third-Stream-Konzerten von Gunther Schuller und John Lewis beteiligt, mit denen er auch im Rahmen des Orchestra U. S. A. zusammenarbeitete. Dolphy kooperierte auch mit Gil Evans und Oliver Nelson (Screaming the blues). 1964 erschien sein Klassiker Out to Lunch!, sein erstes und einziges Blue-Note-Album, auf dem er mit der Besetzung Freddie Hubbard, Tony Williams, Richard Davis und Bobby Hutcherson spielte.[1]

Im April 1964 tourte Dolphy wieder mit Mingus in Europa. Auf dem Tourplan standen u. a. Paris (Liveaufnahmen im Théâtre des Champs-Élysées), Stockholm, Amsterdam, Stuttgart, Wuppertal und Zürich. In Bremen kam es beinahe zum Bruch mit Mingus wegen dessen aufbrausenden Gebarens (er beschimpfte das Publikum als Nazis). Dolphy distanzierte sich öffentlich von Mingus und kündigte an, die Band zu verlassen.[2] Er hatte vor, sich mit seiner Verlobten in Paris niederzulassen und setzte auch nach Tourende seine Auftritte in Europa fort. Eine seiner letzten Aufnahmen machte er am 2. Juni 1964 in Hilversum mit dem Trio von Misha Mengelberg. Ein weiterer – später entdeckter – Mitschnitt zeigt ihn am 11. Juni in Paris, wo er mit Jack Diéval, Donald Byrd, Jacques B. Hess, Franco Manzecchi und Nathan Davis auftrat. Diese Besetzung ist auch im Film Eric Dolphy – the Last Date von Hans Hylkema (1991) zu sehen. Ein Engagement zur Eröffnung eines Jazzclubs in West-Berlin (der Tangente in der Bundesallee) mit dem Trio von Karl Berger am 27. Juni konnte er nicht spielen. Er erlitt während des Konzerts einen Zusammenbruch und wurde in das Achenbach-Krankenhaus in Wilmersdorf eingeliefert.[3] Überraschend starb er zwei Tage später aufgrund von Komplikationen einer bis dahin nicht diagnostizierten Diabetes-Erkrankung. Zwei Monate nach seinem Tod wurde er in die Down Beat Hall of Fame aufgenommen. Dolphys Mutter schenkte John Coltrane, sozusagen als Vermächtnis, Flöte und Bassklarinette ihres Sohnes.

Dolphy hat zahlreiche bedeutende Musiker beeinflusst, so etwa Frank Zappa.[4][5]

Würdigungen

„Im Rückblick könnte man fast meinen, Eric Dolphy sei eine überirdische Erscheinung gewesen, kein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie aus dem Nichts tauchte er 1959 auf der Jazzszene von New York auf, ein vollendeter Musiker mit [...] explodierender Expressivität und klarer, mutiger Vision. [...] Doch nach nur einem halben Jahrzehnt verschwand dieser Eric Dolphy wieder aus der Welt, getötet von einer mysteriösen Krankheit. Zurück blieb die Ahnung einer höheren, unverstandenen Wirklichkeit des Jazz.“

Diskografie (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. Es wurde in die Wireliste The Wire’s “100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)” aufgenommen.
  2. Die Noten zwischen den Noten Die Wochenzeitung 20. November 2014
  3. Philipp Lichterbeck „Sie erklärten ihn einfach für tot“ Berliner Tagesspiegel 5. November 2004
  4. Auf der Zappa-LP Weasels Ripped My Flesh von 1969 widmete er Dolphy das Stück The Eric Dolphy Memorial Barbecue. Auf der Rückseite der LP Freak Out! von The Mothers of Invention wird Dolphy als ein wesentlicher Einfluss ausdrücklich erwähnt.
  5. Barry Miles: Zappa. Deutsche Ausgabe. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 2005. ISBN 3-8077-1010-8, Seite 57
  6. Hans-Jürgen Schaal: Eric Dolphy. In: Jazz-Klassiker. 2 Bde. Hrsg. von Peter Niklas Wilson. Reclam, Stuttgart 2005 (RUB), ISBN 3-15-030030-4, Bd. 2, S. 425–435, hier 425.

Literatur (chronologisch)

Weblinks