Marianne Faithfull in Wien, 2009

Marianne Evelyn Gabriel Faithfull (* 29. Dezember 1946 in Hampstead, London, England als Marian Evelyn Faithfull) ist eine britische Sängerin und Schauspielerin.

Leben

Marianne Faithfull, 1966

Marianne Faithfull hat durch ihre Mutter, Eva Hermine von Sacher-Masoch, Freiin Erisso (1912–1994), eine Nichte des Verfassers erotischer Erzählungen Leopold von Sacher-Masoch (nach dem der Begriff Masochismus benannt wurde), auch österreich-ungarische Wurzeln. Ihr Vater, der Major Robert Glynn Faithfull (1912–1998), war ein hochangesehener Offizier der britischen Armee und Professor für Psychologie. Faithfull besuchte eine Klosterschule und wurde in den 1960er Jahren als junge Pop-Sängerin in England, Europa und im Rahmen der „British Invasion“, also in der Zeit großer Popularität britischer Musikgruppen wie The Beatles und The Rolling Stones, auch in den USA bekannt. 1964 begann sie ihre Karriere mit As Tears Go By, einer Komposition von Mick Jagger und Keith Richards von den „Rolling Stones“, die sie im März 1964 bei einer Feier anlässlich einer Plattenveröffentlichung der Sängerin Adrienne Poster persönlich kennengelernt hatte. Bei dieser Party überredete Andrew Loog Oldham die Musiker, einen Song für Faithfull zu schreiben. Nach dem so entstandenen Lied As Tears Go By veröffentlichte sie eine Reihe erfolgreicher Singles, darunter This Little Bird, Summer Nights und Sister Morphine.

Am 6. Mai 1965 heiratete Faithfull den Künstler und Kunstmagnaten John Dunbar; sie war 18, er 21 Jahre alt. Ihr Sohn Nicholas Dunbar wurde am 10. November 1965 geboren. 1967 verließ Marianne Dunbar ihren Mann; die Ehe wurde 1970 geschieden.

Mick Jagger und Marianne Faithfull, 1967

In der Boulevardpresse wurde Marianne Faithfull vor allem durch ihre Liebesbeziehung zu Mick Jagger bekannt, der angeblich den Song Wild Horses auf dem Stones-Album Sticky Fingers (1971) für sie komponierte. Der Song Sister Morphine vom selben Album entstammt der Feder von Faithfull und von Richards/Jagger und beschreibt Faithfulls Drogensucht. Im Leben des in einem Stadthaus am Cheyne Walk lebenden Paares spielte Drogenkonsum, etwa von LSD, bereits früh eine Rolle (im Februar 1967 wurden sie des unerlaubten Drogenbesitzes beschuldigt und nach einer Party in Keith Richards’ Landhaus „Redlands“ verhaftet.[1]) Nachdem Jagger eine intime Beziehung mit dem Fotomodell Marsha Hunt hatte, machte Faithfull ihre darauffolgende Affäre mit dem italienischen Fotografen Mariano Schifrino öffentlich bekannt. In hohem Maße abhängig, insbesondere von Heroin, wurde Faithfull 1969 nach der Trennung von Jagger und nachdem sie Sommer 1968 durch eine Fehlgeburt die gemeinsame Tochter Corinna verloren hatte, während sie sich bei ihrer Mutter in Irland mit ihrem Sohn Nicholas aufhielt.[2]

Dass sie im Juli 1971 in Paris in die mysteriösen Todesumstände von Jim Morrison verwickelt gewesen sei, stellte sich dagegen als falsch heraus, insbesondere die Theorie, Faithfull sei bei Morrisons Leiche gewesen oder habe ihm sogar, quasi als „Sister Morphine“, den Goldenen Schuss gesetzt. Wie Faithfull in ihrer Autobiographie detailliert beschrieb, bezogen sie und Morrison ihr Heroin lediglich von derselben Person – darin bestand die einzige Verbindung zu Morrisons Tod.

Erst 1979 gelang ihr nach etwa einem Jahrzehnt mit dem Album Broken English ein Comeback. Um sich von der Drogenabhängigkeit zu lösen, versuchte sie ihre neue künstlerische Karriere nicht nur als Musikerin, sondern auch als Theaterschauspielerin aufzubauen. Sie wirkte bei einer Londoner Aufführung der Drei Schwestern von Tschechow mit und spielte die Ophelia im Hamlet von Shakespeare. Die Single-Auskopplung The Ballad of Lucy Jordan, ein Lied, das Shel Silverstein für Dr. Hook & the Medicine Show schrieb, erreichte in Deutschland Platz fünf der Charts und hielt sich insgesamt elf Wochen in den Top 10. Von ihrer Heroinsucht löste sie sich erst 1985 vollständig („I had my last shot in 1985“). Ein weiterer Meilenstein ihrer musikalischen Karriere war 1987 Strange Weather.

Faithfull betätigte sich, ähnlich wie Anita Pallenberg, auch als Schauspielerin in kleinen, von der Ästhetik des „Swinging London“ geprägten Filmen. Charles Wilp engagierte sie als Modell für seine revolutionäre Kampagne für Afri-Cola. Im Jahre 1967 war in I’ll Never Forget What’s ’is Name mit Marianne Faithfull zum allerersten Mal das Wort „fuck“ in einem Film verwendet worden. 1969 spielte sie in Tony Richardsons Hamlet-Verfilmung an der Seite von Anthony Hopkins die Ophelia. 1994 spielte sie in Shopping mit Sadie Frost, Jason Isaacs und Jude Law.

In den 1990er Jahren arbeitete sie auch mit jungen Musikern und Bands zusammen, darunter Pulp und Metallica (bei dem Song The Memory Remains). 1994 erschien ihre Interpretation von Van Morrisons Madame George als Single (auch auf Van Morrisons No Prima Donna), 2004 ihr Album Before the Poison, auf dem sie u. a. mit Nick Cave und P. J. Harvey zusammenarbeitete. Im selben Jahr trat sie in 75 Vorstellungen von The Black Rider von Robert Wilson auf.

2004 zog Marianne Faithfull von Dublin nach Paris, ins Quartier Madeleine im 8. Arrondissement.[3] Ende der 2010er Jahre zog sie zurück nach London, nach eigenen Angaben, um ihrem Sohn und dessen Familie näher zu sein.[4]

2007 feierte Faithfull als Hauptdarstellerin in dem Film Irina Palm auf der Berlinale einen großen Erfolg und ging wieder auf Welttournee. Im selben Jahr sang sie mit Patrick Wolf für sein Album The Magic Position das Duett Magpie.

Im September 2006 erkrankte sie an Brustkrebs, zudem litt sie lange Zeit an Hepatitis C.[3] Während der COVID-19-Pandemie im April 2020 musste sie wegen einer COVID-19-Erkrankung, in deren Verlauf sie eine Lungenentzündung bekam, in einem Londoner Krankenhaus behandelt werden. Nach 22 Tagen stationären Aufenthalts wurde sie am 22. April 2020 entlassen. Während ihres eigenen Krankenhausaufenthalts war ihr Freund und Produzent Hal Willner an den Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion gestorben. Faithfull dankte nach ihrer Entlassung dem Krankenhauspersonal.[5][6] Im November 2020 und im Mai 2021 äußerte sie sich öffentlich zu ihrem Gesundheitszustand und erklärte, mit den Spätfolgen („Long COVID“) ihrer Erkrankung zu kämpfen. Sie leide unter ständiger Erschöpfung, einem Lungenemphysem und an Gedächtnisproblemen.[7][8] Ihr Album She Walks in Beauty, an dem sie arbeitete, als sie an COVID-19 erkrankte, erschien Ende April 2021; Faithfull und ihr Umfeld kündigten an, es werde vermutlich ihr letztes sein, da sie wegen der Lungenschäden nicht mehr werde singen können.[4][9]

2016 drehte die französische Schauspielerin und Regisseurin Sandrine Bonnaire das Filmporträt Marianne Faithfull – Der raue Glanz der Seele. Darin schildert Marianne Faithfull in Bezug auf ihr 1985 erschienenes Album Rich Kid Blues: „Ich war heroinabhängig, als ich diese Platte machte. Jahrelang hab ich die Platte deswegen gehasst, weil sie mich an meine Heroinabhängigkeit erinnerte. Mike Leander kam des Weges, er suchte und fand mich. Er sagte, er wollte diese Platte machen, also haben Jam Records mich für eine kurze Weile von der Straße geholt und in eine Wohnung gesteckt […] Wie ich arbeiten konnte? Ich hab einfach gearbeitet. Was hast du denn gedacht? Dass man nicht arbeiten kann, wenn man Drogen nimmt? Doch, man kann.“[10] Im selben Dokumentarfilm erklärt Faithfull zudem bezogen auf das Jahr 1981, als die Sängerin, nachdem sie das Album Dangerous Acquaintances veröffentlicht hatte, ihren Lebensmittelpunkt nach New York City verlegte: „Ich war illegal in den USA. Alles an mir war so, dass die Amerikaner damit nicht umgehen konnten […] Sie steckten mich in ein Flugzeug nach Kanada in Ketten. Bis zum heutigen Tag, wenn ich in die USA reisen wollte, müsste ich zur amerikanischen Botschaft in Paris gehen und eine schreckliche Prozedur über mich ergehen lassen. Ich benötige ein spezielles Visum. Ich bin, was man einen unerwünschten Ausländer nennt [undesirable alien].“[11]

Auszeichnungen

In einer 1999 von dem amerikanischen Fernsehsender VH1 zusammengestellten Liste der 100 Greatest Women of Rock & Roll wurde Faithfull auf Platz 25 geführt.[12] Am Internationalen Frauentag 2009 wurde sie im Rahmen der Preisverleihung des Women’s World Awards mit dem World Lifetime Achievement Award ausgezeichnet, um ihre über 45-jährige Karriere als Musikerin auf der Bühne und im Film zu honorieren. Im Jahr 2011 wurden ihr die höchstmöglichen Commandeur-Ehren des französischen Ordre des Arts et des Lettres zuteil.[13]

Diskografie

Studioalben

JahrTitelHöchstplatzierung, Gesamtwochen, AuszeichnungChartplatzierungenChartplatzierungen[14]
(Jahr, Titel, Plat­zie­rungen, Wo­chen, Aus­zeich­nungen, Anmer­kungen)
Anmerkungen
 DE AT CH UK US
1965Come My WayUK12
(7 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: 15. April 1965
nur im Vereinigten Königreich veröffentlicht
Marianne FaithfullUK15
(2 Wo.)UK
US12
(31 Wo.)US
Erstveröffentlichung: 15. April 1965
Go Away from My WorldUS81
(16 Wo.)US
Erstveröffentlichung: Dezember 1965
nur in den Vereinigten Staaten veröffentlicht
1979Broken EnglishDE4
Gold
Gold

(32 Wo.)DE
AT3
(18 Wo.)AT
UK57
(3 Wo.)UK
US82
(15 Wo.)US
Erstveröffentlichung: Oktober 1979
1981Dangerous AcquaintancesUK45
(4 Wo.)UK
US104
(9 Wo.)US
Erstveröffentlichung: September 1981
1983A Child’s AdventureDE60
(2 Wo.)DE
UK99
(1 Wo.)UK
US107
(7 Wo.)US
Erstveröffentlichung: März 1983
1987Strange WeatherUK78
(2 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: Juli 1987
1999Vagabond WaysUK86
(1 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: 14. April 1999
2002Kissin TimeDE49
(3 Wo.)DE
AT42
(4 Wo.)AT
CH47
(4 Wo.)CH
Erstveröffentlichung: 19. Februar 2002
2005Before the PoisonCH61
(4 Wo.)CH
Erstveröffentlichung: 25. Januar 2005
2008Easy Come, Easy GoDE51
(2 Wo.)DE
CH28
(3 Wo.)CH
UK100
(1 Wo.)UK
US182
(1 Wo.)US
Erstveröffentlichung: 10. November 2008
2011Horses and High HeelsDE35
(2 Wo.)DE
AT68
(1 Wo.)AT
CH26
(4 Wo.)CH
Erstveröffentlichung: 31. Januar 2011
2014Give My Love to LondonDE60
(1 Wo.)DE
CH25
(5 Wo.)CH
UK64
(1 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: 29. September 2014
2018Negative CapabilityDE27
(4 Wo.)DE
AT20
(5 Wo.)AT
CH14
(8 Wo.)CH
UK44
(1 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: 2. November 2018
2021She Walks in BeautyDE28
(1 Wo.)DE
AT21
(1 Wo.)AT
CH28
(3 Wo.)CH
UK88
(1 Wo.)UK
Erstveröffentlichung: 30. April 2021
mit Warren Ellis

grau schraffiert: keine Chartdaten aus diesem Jahr verfügbar

Weitere Studioalben

  • 1966 Faithfull Forever - nur in USA und Japan erschienen (Lucky Girl + I'm The Sky nur auf diesem Album erschienen sonst auf keiner anderen LP oder CD bisher veröffentlicht worden)
  • 1966: North Country Maid
  • 1967: Love In A Mist
  • 1976: Dreamin’ My Dreams
  • 1985: Rich Kid Blues
  • 1995: A Secret Life
  • 1998: Weill: The Seven Deadly Sins and Other Songs

Filmografie (Auswahl)

Schriften

  • (mit David Dalton) Faithfull: an autobiography. New York: Cooper Square Press, 2000 (zuerst 1994), ISBN 0-8154-1046-8. Deutsche Ausgaben:
    • (mit David Dalton) Faithfull: eine Autobiographie. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-86150-116-3.
    • (mit David Dalton) Marianne Faithfull: eine Autobiographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997, ISBN 3-499-22117-9 (lizenziert von Zweitausendeins).
  • Memories, Dreams and Reflections. HarperCollins UK, 2008 (zuerst 2007), ISBN 978-0-00-724581-9. Deutsche Ausgabe:
  • (mit François Ravard) Marianne Faithfull: Bilder meines Lebens. Verlag Edel Books, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8419-0313-6.

Literatur

  • Marc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 74–83, 146, 148, 151 und 156–159.
Commons: Marianne Faithfull – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Marc Spitz: Jagger. Rebel, Rock Star, Ramble, Rogue. 2011 (Gewidmet Brendan Mullen); deutsch: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel Germany, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8419-0122-4, S. 82–83 und 100–111.
  2. Marc Spitz: Mick Jagger. Rebell und Rockstar. 2012, S. 146, 156–157 und 160.
  3. a b Zum 70. Geburtstag – Bei Marianne Faithfull zu Hause in Paris. In: Deutschlandradio Kultur. 29. Dezember 2016, abgerufen am 29. Dezember 2016.
  4. a b Alexis Petridis: Marianne Faithfull: 'I was in a dark place. Presumably it was death'. In: theguardian.com. 15. Januar 2021, abgerufen am 14. Mai 2021 (englisch).
  5. Marianne Faithfull mit Covid-19 im Krankenhaus. In: sueddeutsche.de. dpa, 5. April 2020, abgerufen am 9. April 2020.
  6. Daniel Kreps: Marianne Faithfull Released From Hospital After Three-Week Coronavirus Stay. In: rollingstone.com. 22. April 2020, abgerufen am 23. April 2020 (englisch).
  7. «Vielleicht werde ich nie mehr singen können». In: SonntagsZeitung, 9. Mai 2021.
  8. Après le Covid, Marianne Faithfull bien décidée à «récupérer sa voix». In: lefigaro.fr. 20. November 2020, abgerufen am 22. November 2020 (französisch).
  9. Amy Zayed: Zum 75. Geburtstag: Broken English: Wie Marianne Faithfull die Londoner Musik-Szene der 60er erlebt hat. In: br.de. 17. Dezember 2021, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 21. Dezember 2021; abgerufen am 30. Dezember 2022 (Interview in der Sendung Zündfunk auf Bayern 2 vom 18. Dezember 2021, Inhalt online nicht mehr verfügbar).
  10. Marianne Faithfull – Der raue Glanz der Seele (Memento vom 2. März 2018 im Internet Archive). Dokumentarfilm von Sandrine Bonnaire, 2016, 62 Min. (Zitat ab Minute 42:15). Produziert von Cinétévé, Babylon Irie und NTR in Zusammenarbeit mit arte France
  11. Marianne Faithfull – Der raue Glanz der Seele (Memento vom 2. März 2018 im Internet Archive). Dokumentarfilm von Sandrine Bonnaire, 2016, 62 Min. (Zitat ab Minute 53:08). Produziert von Cinétévé, Babylon Irie und NTR in Zusammenarbeit mit arte France
  12. 100 Greatest Women of Rock & Roll. Viacom Productions, 26. Juli 1999, abgerufen am 30. Dezember 2022.
  13. Mirror.co.uk: Marianne Faithfull awarded France's highest cultural honour. 23. März 2011, abgerufen am 30. Dezember 2022 (englisch).
  14. Chartquellen: DE AT CH UK US
  15. This much I know to be true bei IMDb