Martha Argerich 2015

Martha Argerich (* 5. Juni 1941 in Buenos Aires) ist eine argentinisch-schweizerische[1] Pianistin.

Leben und Wirken

Martha Argerich 1962

Argerichs mütterliche Familie war wegen ihrer jüdischen Herkunft aus dem russischen Zarenreich nach Argentinien emigriert. Dort lebte sie in einer Siedlung für jüdische Einwanderer in der Provinz Entre Ríos, die der Baron Maurice de Hirsch gefördert hatte. Im Alter von elf Jahren zog Argerichs Mutter nach Buenos Aires, um dort ein Gymnasium besuchen zu können.

Zum Klavierspiel wurde Argerich im Jahr 1944 gebracht, als sie im Alter von knapp drei Jahren einen Kindergarten in Buenos Aires besuchte, an dem den Kindern einfache Klavierstücke vorgespielt wurden. Sie war mit Abstand das jüngste der Kinder. In dem Kindergarten forderte ein Spielkamerad sie regelmäßig mit der Behauptung heraus, sie könne dies oder jenes nicht tun. Sie ging stets auf die Herausforderung ein, so auch, als der Junge einmal sagte, sie könne nicht Klavier spielen. Sie ging direkt zum Klavier und spielte eine der Melodien, die sie gehört hatte, fehlerlos nach. So wurde die Lehrerin auf ihre Begabung aufmerksam und informierte unverzüglich ihre Mutter.[2] Daraufhin bekam sie zwei Jahre lang ihren ersten Klavierunterricht. 1946 wechselte sie zu dem italienisch-argentinischen Pianisten und Klavierpädagogen Vincenzo Scaramuzza; bei ihm lernte sie im Alter von fünfeinhalb bis elf Jahren das Klavierspiel. 1949 debütierte sie als Siebenjährige mit Beethovens 1. Klavierkonzert zusammen mit dem Orquesta Sinfónica de Radio El Mundo unter der Leitung von Alberto Castellanos.

1955 kam sie mit ihrer Familie nach Europa und setzte ihr Studium in Wien bei Friedrich Gulda fort. Der argentinische Präsident Juan Perón unterstützte diese Entscheidung dadurch, dass er ihren Eltern Posten an der argentinischen Botschaft in Wien verschaffte. Im Jahr 1957 gewann sie den Ersten Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni in Bozen.

Im Alter von etwa zwanzig Jahren, nach der Geburt ihrer ersten Tochter, der heutigen Bratschistin Lyda Chen, geriet sie in eine Lebenskrise. Infolgedessen zog sie sich vollständig aus dem Konzertbetrieb zurück. Erst im Jahr 1964 gelang es, u. a. auch durch die Intervention ihres Lehrers Stefan Askenase, dass sie sich wieder der Öffentlichkeit zeigte. Im Jahr 1965 wurde sie durch den Gewinn des 1. Preises beim Internationalen Chopin-Wettbewerb weltbekannt.

Sie ist in der Förderung junger Klaviertalente engagiert und beteiligt sich als Jurorin bei wichtigen Wettbewerben. Als Mitglied der Jury des Chopin-Wettbewerbs geriet Argerich 1980 in Furor, nachdem Ivo Pogorelich – den sie als Genie bezeichnete – bereits nach der dritten Runde ausgeschieden war, woraufhin sie die Jury aus Protest verließ.

Etwa seit 2004 konzentriert sie sich verstärkt auf Kammermusik. Sie tritt zudem seit langer Zeit nicht mehr allein im Rahmen eines Klavierabends auf, sondern als Solistin in Klavierkonzerten oder mit anderen Musikern wie etwa Nelson Freire, Gabriela Montero, Gidon Kremer, Mischa Maisky, Cristina Marton, oder ihrer langjährigen Duo-Partnerin Lilya Zilberstein. Sie führte von 2002 bis 2016 ein eigenes Festival „Progetto Martha Argerich“ in Lugano. Seit 2018 veranstaltet sie mit den Symphonikern Hamburg in der Laeiszhalle das jährliche Martha Argerich Festival.

Im Jahr 2005 erhielt sie die Auszeichnung Praemium Imperiale, den „Nobelpreis der Künste“. Im Jahr 2014 wurde sie mit dem ECHO Klassik in der Kategorie „Konzerteinspielung des Jahres (Klavier)“ mit dem Orchestra Mozart Bologna unter Claudio Abbado für die Einspielung von Mozarts Klavierkonzerten 20 und 25 ausgezeichnet.[3] 2016 erhielt sie den Kennedy-Preis und der japanische mittlere Orden der Aufgehenden Sonne am Band wurde ihr verliehen.[4]

Klavierkunst

Argerich ist für ihr temperamentvolles Spiel bekannt. Viele ihrer Interpretationen sind mittlerweile legendär; dazu gehören das 3. Klavierkonzert in d-Moll von Rachmaninow oder das 1. Klavierkonzert in b-Moll von Tschaikowski.

Persönliches

Argerich war bislang dreimal verheiratet. Zuerst heiratete sie den Dirigenten und Komponisten Robert Chen, mit dem sie eine Tochter, die Bratschistin Lyda Chen-Argerich hat. 1964 ließ sie sich von Chen scheiden. Von 1969 bis 1973 war sie mit dem Schweizer Dirigenten Charles Dutoit verheiratet, mit dem sie ihre zweite Tochter Annie Dutoit hat. Durch diese Eheschließung erhielt sie das Schweizer Bürgerrecht. Aus einer kurzen Ehe mit dem US-amerikanischen Pianisten und Dirigenten Stephen Kovacevich entstammt ihre dritte Tochter Stéphanie Argerich-Blagojevic.

Aufgrund ihrer großen kulturellen Verdienste verlieh die Stadt Lugano am 23. Juni 2010 Martha Argerich die Ehrenbürgerschaft.[5]

Aufnahmen (Auszug)

Dokumentarfilme

  • Georges Gachot: Martha Argerich. Conversation nocturne. Idéale Audience, ARTE France, BR, 2002 (deutscher Titel: Martha Argerich, Nachtgespräch)
  • Stéphanie Argerich: Argerich – Bloody Daughter, Frankreich/Schweiz 2012 (Originaltitel: Argerich)[6]
  • Holger Preuße, Philipp Quiring: Martha Argerich in Warschau, sounding images, ZDF, ARTE, 2020

Literatur

  • Olivier Bellamy: Martha Argerich. Die Löwin am Klavier. Aus dem Französischen übersetzt von Susanne Van Volxem. Bertelsmann, München 2011, ISBN 978-3-570-58023-3. Auch als E-Book. Autorisierte Biografie.[7]

Weblinks

Commons: Martha Argerich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Rodrigo Carrizo Couto: Examining a Martha-daughter relationship Interview mit Stéphanie Argerich über ihre Mutter, swissinfo.ch 24. Januar 2013.
  2. Interview mit Dean Elder in: Clavier, September 1979 (englisch, Auszüge).
  3. Preisträger 2014 echoklassik.de
  4. 2016 Autumn Conferment of Decoration on Foreign Nationals (PDF, englisch), S. 6.
  5. Martha Argerich cittadina onoraria, Giudici: “È un momento storico” tio.ch, 23. Juni 2010 (italienisch).
  6. Martin Meyer: Mutter Martha und ihre Töchter nzz.ch, 4. April 2013.
  7. Olivier Bellamy: Martha Argerich. Die Löwin am Klavier penguinrandomhouse.de, mit Leseprobe.